Nein, nicht nur Wein hat das Monopol auf die Kunst der Verkostung!Die „Wasserkunde“, die „Dry January“-kompatible Version derÖnologie, rückt die organoleptischen Eigenschaften des Wassers in den Vordergrund – dieses für das Leben so unverzichtbare Getränk. Abgesehen von neuen Trends wie „Wasserbars“, „Wasserläden“ oder anderen ausgefallenen Marketing-Erfindungen geben wir Ihnen hier einige Tipps zur Verkostung von hochwertigem Wasser. Übrigens: Für die weniger Abstinenten unter uns können diese Tipps auch bei der Verkostung von Wein, Bier oder anderen Getränken nützlich sein. Wollen Sie ein Experte in der Wasserverkostung werden? Schärfen Sie Ihre Sinne, holen Sie ein Notizbuch heraus und schenken Sie sich ein Glas ein!

Genau wie beim Wein stützt sich die sensorische Analyse von Wasser auf die fünf Sinne:
Die Aussicht 👁️
Um nicht in trüben Gewässern zu schwimmen, sollte man genau hinschauen. Das Wasser muss vollkommen klar, rein, ja sogar leuchtend und glänzend sein. Der Meniskus, die Trennlinie zwischen Luft und Wasser, kann Aufschluss über die Textur geben: Eine dicke Trennlinie ist laut dem Önologen und Wasserspezialisten Renaud Jeanne in einem Video für Doctissimo ein Zeichen für ein eher vollmundiges Wasser mit langem Abgang (es „bedeckt den Gaumen“) , während eine dünne Trennlinie auf ein „flüchtiges Wasser“mit geringer Persistenz im Mund hindeutet.
Der Geruchssinn 👃🏾
Eine Nase, die weder verstopft ist noch unter Covid leidet, kann je nach gewähltem Wasser metallische, erdige oder sogar fruchtige und holzige Noten wahrnehmen. 90 % der Geschmackswahrnehmung erfolgt über den retronasalen Weg oder direkt über die Nase (über die Nase wahrgenommen) und nur 10 % über die Geschmacksknospen: Daher ist die Nase bei jeder Verkostung so wichtig!
Das Gehör 👂🏼
Das typische Geräusch beim Öffnen einer Flasche Sprudelwasser – sagt das den ASMR*-Fans unter euch etwas? Dieses Geräusch ist ein Hinweis auf die Spritzigkeit und die Menge der Bläschen.
Die Berührung ✋🏿
Im Gaumen kann sich die Textur des Wassers je nachIntensität der Bläschen, aber auch je nach Temperatur unterschiedlich anfühlen. Generell sollte man sehr kaltes Wasser vermeiden: Vergessen Sie die Eiswürfel! Sommeliers wie Dominique Laporte, bester Sommelier Frankreichs 2004 und Erfinder des Begriffs„Eaunologie“, empfehlen, stilles Wasser bei Raumtemperatur (idealerweise um die 14 °C) zu trinken, Sprudelwasser jedoch bei 10–12 °C, um die Bläschen zu genießen, ohne sie zu „zerstören“, wie es bei einem Champagner der Fall ist. Nicht mehr und nicht weniger!
Der Geschmack 👄
Wasser kann, wie alle anderen Lebensmittel und Getränke auch, mehr oder weniger sauer, bitter, süß oder salzig schmecken. Ein hoher Kalziumgehalt verleiht ihm beispielsweise einen süßlichen und erdigen Geschmack, während Natrium einen jodartigen Geschmack und Sulfate eine leichte Bitterkeit hervorrufen. Magnesium wiederum kann den Eindruck eineswürzigen Geschmacks erwecken.

Raphaël Bourguignon, Projektleiter bei CASTALIE, erinnert daran, dass„das H2O-Molekül von Natur aus geschmacksneutral ist. Viele Faktoren verleihen dem Wasser anschließend seinen Geschmack: Mineralien, der Ort, an dem es gewonnen wird, oder der Weg, den es zurücklegt. Bei CASTALIE haben wir uns für einen möglichst neutralen Geschmack entschieden“. Diese Neutralität sorgt dafür, dass es nicht mit dem Geschmack der Begleitprodukte in Konflikt gerät und man ein Wasser erhält, das weder das Gericht noch den Wein, die man gleichzeitig genießt, verfälscht.
Umes besserzu schätzen, sich seines Wertes bewusst zu werden oder den Geschmack der Speisen und Getränke, die dazu gereicht werden, optimal zur Geltung zu bringen, verdient Wasser es durchaus, dass man sich (fast) genauso sehr dafür interessiert wie für Wein! Dennoch sei daran erinnert: Auch wenn es gut ist, sich mit dem Thema Wassergeschmack auseinanderzusetzen, ist es doch ein Privileg, mit einem einfachen Dreh am Wasserhahn über qualitativ hochwertiges Trinkwasser aus dem Leitungsnetz zu verfügen.

* ASMR, eine englische Abkürzung für „Autonomous Sensory Meridian Response“, bezeichnet angenehme körperliche Empfindungen, die durch eine – häufig akustische – Stimulation hervorgerufen werden und ein Gefühl des Wohlbefindens und der Entspannung erzeugen.
Text: Laurène Petit Bildnachweis (Kopfzeile): Milada Vigerova

